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Carolin Mayer-Eming

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46°10°2237mB
C-Print (50cm x 33cm), 2015
7-teilige Serie




„WEISS – Gisela Reich – Carolin Mayer-Eming“

Städtische Galerie Filderstadt, 24. Januar 2016 – Einführung von Zara Tiefert-Reckermann


Der japanische Designer Kenya Hara hat ein kleines Buch geschrieben mit dem Titel „WEISS“. Es handelt sich nicht um ein Buch über Farbe. Vielmehr versucht der Autor darin das Wesen von Weiß zu ergründen. Weiß steht in der japanischen Ästhetik für Einfachheit und Feinheit. Auch Leere und das vollkommene Nichts sind zentrale Begriffe, die Kenya Hara in seinem Buch diskutiert. Er gelangt zu der Überzeugung: „Weiss als solches gibt es nicht. Was es gibt, ist eine Empfänglichkeit dafür, Weiss zu empfinden. Deshalb kann man auch nicht nach Weiss suchen. Stattdessen müssen wir danach suchen, wie wir Weiss empfinden.“1 Auf diese Suche nach der Empfindung von Weiß möchte ich Sie im Rahmen dieser Ausstellung herzlich einladen.



Gezeigt werden textile Wand- und Raumobjekte von Gisela Reich sowie Fotografien von Carolin Mayer-Eming. Die ausgestellten Werke verbindet die Farbe Weiß.


Für Kasimir Malewitsch ist Weiß „die wahre, wirkliche Idee der Unendlichkeit“.2 Generell spricht man von Weiß gerne als Summe aller Farben. Weiß ist keine eigene Farbe, sondern entsteht durch ein Gemisch aus Einzelfarben. Isaac Newton legte 1672 fest, dass weißes Licht in ein Spektrum von sieben Spektralfarben zerlegbar ist.
Weiß bestimmt unsere Wahrnehmung. Die Gleichsetzung weißer Farbe mit dem Licht macht Weiß zu einer Elementarkraft.


Carolin Mayer-Eming zeigt Arbeiten aus ihrer Serie „40°10°2237m“.
Der geografische Ort, den die Künstlerin damit bezeichnet und in ihren Fotografien festhält, ist der „Lago Bianco“. Dieser sogenannte „weiße See“ ist ein Stausee am Berninapass im Engadin in der Schweiz. Die Fotografien entstanden vergangenen Herbst innerhalb von nur zwei Wochen. Ein Teil der Arbeiten ist gekennzeichnet von einer typischen Herbststimmung: neblig, grau, melancholisch, vielleicht sogar etwas trostlos. Die anderen Arbeiten zeigen eine weiße Winterlandschaft. Allein dies ist schon faszinierend, wie sich ein Ort innerhalb weniger Tage in seiner Wahrnehmung so verändern kann.


Die 1981 in Stuttgart geborene Künstlerin studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe Malerei und war Meisterschülerin von Silvia Bächle. Über die Auseinandersetzung mit Malerei, Grafik und Skulptur landete sie schließlich bei der Fotografie, welche nun den Schwerpunkt ihres künstlerischen Schaffens bildet.
(…)
Darüber hinaus sind die Bilder von den Veränderungen und Eingriffen des Menschen geprägt: Strommasten, rote Windsäcke, eine eingeschneite Parkuhr, Brücken, Wege und dazu gehörende Bauten finden wir in den Arbeiten Mayer-Emings.
Versuchten die Pioniere der Landschaftsfotografie im 19. und auch 20. Jahrhundert die unberührte Natur zum Mittelpunkt ihrer Arbeiten zu machen, nehmen zeitgenössische Fotografen diese Interventionen durch den Menschen bewusst in ihre Werke mit auf. Der amerikanische Fotograf Michael Light fasst diese Entwicklung sehr treffend zusammen: „Ich liebe idyllische Orte und den Eindruck von Geschichtslosigkeit, den sie bieten. Aber edle Schönheit reicht heute nicht. Man muss das Bild komplizierter machen, denn man kann auf diesem Planeten nirgendwohin ‚entkommen‘ auf der Suche nach der selbst genügsamen Schäferidylle oder der erlösenden Wildnis. Die Erde ist heute ein menschgemachter Park.“3


Entgegen anderer zeitgenössischer Landschaftsfotografen hält Mayer-Eming die Eingriffe des Menschen in die Natur jedoch nicht wertend oder moralisierend fest. Ihre Bildsprache ist sehr vielschichtig und erzeugt beim Betrachter eine kontemplative Wirkung. Im Spannungsfeld von Gegenständlichkeit und Abstraktion, Anekdote und Reduktion liegt ihre besondere Ausdruckskraft. Dabei ist Helligkeit und Licht ein wesentliches Ausdrucksmittel in Mayer-Emings Werk. Lichtverhältnisse sind für die Erscheinungsweise der von der Künstlerin fotografierten Berglandschaft prägend.

Wenn man nochmals zurück auf die Farbe – oder auch Nicht-Farbe – Weiß zu sprechen kommen möchte, lässt sich feststellen, dass in den Fotografien das Weiß die Nichtfarbe Schwarz benötigt, um existieren zu können. Dunkle Schattierungen gehören untrennbar zum Weiß dazu, wie es im Leben nicht nur Schwarz bzw. Weiß gibt. (…)


Für beide Künstlerinnen – wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise – ist die Natur, deren Rhythmus, Strukturen, Ordnung sowie das damit verbundene ewige Werden und Vergehen, wichtige Inspirationsquelle. Dies ist kein neues Phänomen. Schon Albrecht Dürer musste feststellen: „Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“4 War es damals vor allem das Abbilden von Naturformen, so sind es heute eher die inneren Gesetzmäßigkeiten der Natur, welche für die Künstler von Interesse sind. (…)


Damit wären wir wieder beim titelgebenden „Weiß“ angekommen. Der amerikanische Maler Robert Ryman sagte in Bezug auf seine Malerei einmal: „Die Farbe Weiß bleibt dem künstlerischen Ausgangsmaterial am nächsten und schließt jede Ablenkung, etwa die Erzeugung von Illusion, aus. Sie erlaubt unmittelbar über Grundfragen des Gemäldes zu reflektieren.“ 6 Dies trifft natürlich auch auf die textilen Objekte von Gisela Reich zu. Durch die Farbwahl werden ihre Arbeiten ganz auf das Material reduziert. Jedoch bleibt das ursprünglich gewählte Material, nämlich ein roter, blauer oder vielleicht auch gelber Stoff wie in den Arbeiten „o.T.“, spürbar, indem die Künstlerin das Weiß bewusst nicht deckend aufträgt. Für den Betrachter bleiben es dennoch weiße Arbeiten. Weiß steht für Reinheit, Licht und Entmaterialisierung – wird somit zum Inbegriff der Seinserfahrung. Licht und Schatten, Raum und Atmosphäre definieren sich immer wieder neu in den Objekten. Und Licht wird letztlich zum immateriellen Material des Werks, das sich scheinbar im Nichts verflüchtigt. Hier kommt eine weitere Qualität der Farbe Weiß hinzu, deren transzendente Wirkung.


Ich zitierte bereits zu Beginn eine kurze Passage aus Kenya Haras Buch „WEISS“. Auf der Suche nach dem Konzept „Weiss“ muss der Autor feststellen: „Wir werden Begriffe wie Stille und Leere verstehen und die ihnen innewohnenden, unterschiedlichen Bedeutungen entdecken. Je enger unsere Beziehung zu Weiss wird, desto leuchtender wird unsere Welt und desto intensiver werden die Schatten.“7 In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nun viel Freude bei der Entdeckung der Ausstellung „WEISS“.


1 Kenya Hara, Weiss, Zürich 2010/2012. 2 Vgl. Irmgard Sonnen, Anna Blume ist rot: Farbe als Ereignis. Positionen, Essays, Gedichte, Düsseldorf 2007. 3 The Believer: Interview mit Lawrence Weschler, November/Dezember 2010 ( HYPERLINK "http://www.believermag.com" www.believermag.com). 4 Albrecht Dürer, Vier Bücher von menschlicher Proportion, 1528. 5 Rolf Grimminger, Die Ordnung, das Chaos und die Kunst, Frankfurt 1986. 6 Vgl. Irmgard Sonnen, Anna Blume ist rot: Farbe als Ereignis. Positionen, Essays, Gedichte, Düsseldorf 2007.